Dienstag, 15. Mai 2012

Zu-End(e)-Spiel(e)

Während auf meinem Laptop das letzte Liga-Spiel der Saison läuft, finde ich die Zeit, unsere Spielzeit ein wenig Review passieren zu lassen. Das Relegationsspiel zwischen Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf bildet den finalen Abschluss. Auch wenn Düsseldorf gerade das 1:0 nach 30sec geschossen hat, ist dort noch nichts entschieden. Gestern stieg bereits unser ehemalige Liga-Mitstreiter Jahn Regensburg auf. Das Unentschieden in Karlsruhe reichte den Ostbayern um nächste Saison 2. Bundesliga zu spielen. Das bedeutete auch den Abstieg für unseren ehemaligen Torwart Dirk Orlishausen - aber dazu später mehr.

Für Rot-Weiss Erfurt lässt sich die Saison relativ einfach zusammenfassen. The same procedure as every year. Um es kurz machen: Wieder Platz 5, wieder im Thüringen-Pokal ausgeschieden und wieder mit zahlreichen Abgängen.

Aber so einfach ist es dieses Jahr nicht. Nur zum Vergleich, letzte Saison hatten wir elf Abgänge, darunter wertvolle Stützen wie Semmer, Orlishausen. Stenzel oder Hauswald. Habe ich diese Abgänge vermisst? Ehrlich gesagt nein. Unser Trainerstab und der sportliche Leiter Traub haben wirklich gute Arbeit geleistet bei der Aufbesserung unseres geschwächten Kaders. Auch wenn es eine Weile dauerte: bereits Mitte der Saison stand eine Mannschaft auf dem Platz, die Fußball spielen konnte.

Hervorheben möchte ich hier niemanden. Es wäre mühsam aufzuzählen, wie wichtig doch Reichweins 17 Saisontreffer waren. Welch tolle Entwicklung Andreas Sponsel genommen hat, oder wie gut Zedi, Pfingsten-Reddig und Engelhardt (in der Rückrunde) im Mittelfeld waren. Genauso ungerecht wäre es, auf Bernd Rauw rumzuhacken, der uns sicher ein paar Punkte gekostet hat. Oder sich über Ströhls teils katastrophale Auftritte auszulassen. Nein, darum soll es hier gar nicht gehen. Fakt ist: Wir haben eine gute Saison gespielt. Unsere Mannschaft hat sich relativ schnell eingespielt gehabt und das trotz charakterlicher Schwächen. Was man der gesamten Mannschaft vorwerfen kann, ist Leichtsinn.

Gegentore nur Sekunden nach Wiederanpfiff führten bei entscheidende Spiele Punktverlusten. Dumme Fouls die zu Sperren nach sich ziehten, usw.. Es gibt für all das ein schönes Wort: Cleverness. Die fehlte dem RWE diese Saison in einigen Spielen. Ich möchte nicht daran denken, wo wir jetzt wären, wenn wir nur zwei Unentschieden weniger und dafür Siege eingefahren hätten.

Sicherlich, der Aufstieg war für diese Saison nicht geplant. Sieht man sich die Mannschaften an, die nächste Saison zweite Liga spielen dürfen, überkommt einem aber schon ein Schauer. Sandhausen, Aalen und Regensburg. Alles drei Westmannschaften (ohne, dass ich das negativ meine! Ich gehe auch mit einem Westclub fremd). Alle drei vor der Saison nicht im engeren Favoritenkreis gewesen. Ich gratuliere selbstverständlich zum Geleisteten und erkenne die sportliche Überlegenheit an. Das tolle ist, dass diese Mannschaften mit ihrem Aufstiegskader in weiten Strecken weitern machen können. Das ist etwas, das in Erfurt seit Jahren nicht der Fall ist.

Wirft man einen Blick auf unsere Abgänge vom letzten Jahr, ergibt sich ein grauenvolles Bild: Tino Semmer: Abgestiegen mit Rostock. Dirk Orlishausen: Abgestiegen mit Karlsruhe. Fabian Stenzel: Konnte sich erst nicht durchsetzen, landete dann in Chemnitz und verbockte unter anderem das Spiel gegen uns. Dennis Malura: in München nur auf der Bank, im Winter dann in Heidenheim gelandet - in der 3. Liga. Alle spielen dritte Liga!

Warum aber waren diese Jungs so ungeduldig? Wieso nicht eine weitere Saison beim RWE spielen, den Aufstieg gemeinsam schaffen! Und dann das bessere Gehalt annehmen. Und dieses Jahr gibt es ein ähnliches Bild. Marcel Reichwein wird von mir sehr geschätzt, nicht immer als Fußballer, aber als Typ, als Mensch. Er hat eine tolle Saison gespielt und ich kann es ihm nicht übel nehmen, dass er mit 26 Jahren eine Gehaltsklasse höher arbeiten möchte. Aber realistisch betrachtet, sind seine Aussichten eher schlecht. Welcher Verein könnte sich für ihn denn interessieren? Paderborn? Hertha BSC? Karlsruhe? Ich weiß es nicht, aber ich kann mir leider nicht vorstellen, dass man ihm dort blind vertraut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er auf anhieb in ein neues System, eine neue Mannschaft und zu einem neuen Trainer passt. Der einzige, der in den letzten Jahren auf Anhieb diesen Sprung geschafft hat, war Albert Bunjaku. Und auch der Schweizer Nationalspieler spielt jetzt nur noch zweite Liga.

Die einzigen, die ungeduldig sein sollten, sind die Fans. Jede weitere Saison in der dritten Liga ist ein Kraftakt. Vor allem finanziell geht der Verein ein ums andere Mal an seine Grenzen. Wir können von Glück reden, dass wir uns nicht in einer so extremen Abwärtsspirale befinden, wie die Kollegen aus Jena. Aber wir bleiben geduldig. Wir haben ewig auf das neue Stadion gewartet und wurden belohnt. Und wir werden auch noch eine Saison auf die zweite Liga warten können. Nur hoffe ich, dass diese Geduld sich auch einmal auf die Spieler, auf die vielversprechenden Neuzugänge aus Unterhaching (Mijo Tunjic) und Wolfsburg II (Rafael Czichos), auf die jungen Leute, die noch im Kader stehen (Morabit, wird wohl gehen, und Manno) und auf die Spieler, die noch kommen werden, überträgt. Dass sich der Verein von seinem Image als Sprungbrett verabschiedet, dass wir über zwei oder drei Jahre mit einem Kader und einem Trainer planen können. Dann wird das auch einmal etwas mit der Relegation - oder mehr.

Wir sind jedenfalls auf einem guten Weg und müssen uns endlich selber belohnen. Mit Glück, etwas Spucke und viel Kampf und Leidenschaft. 


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