Montag, 13. August 2012

Die Krise?

Was für ein Auftakt in die diesjährige Saison. Nach dem fünften Spieltag ist der RWE Letzter. Zwei Tore und ein Punkt stehen vier Niederlagen und 12 Gegentoren gegenüber. Es ist nicht verwunderlich, dass jetzt (sicher nicht nur im Umfeld) über den Trainer nachgedacht wird. Schließlich ist es das normale Fußballgeschäft: Wenn es nicht läuft, muss ein Schuldiger gefunden und "eleminiert" werden.

Wie jeder Verein in der dritten Liga, hatte sich vor fünf Jahren auch Erfurt zum Ziel gesetzt, diese schnellst möglich nach Oben zu verlassen. Nicht ohne eine gewisse Eingewöhnungsphase. Nach dem Verpassen des DFB-Pokals und den fünften Plätzen in den vergangenen Spielzeiten, könnte es diese Saison bereits zu spät sein.

Dabei sind die Voraussetzungen in Erfurt eigentlich gut. Der RWE führt die ewige Tabelle der dritten Liga an. Im letzten Jahr stellte man die besten Angreifer. Man besitzt mit Herrn Emmerling nach Wolfgang Wolf den erfahrensten Trainer. Mit Marco Engelhardt haben wir Erstligaerfahrung im Kader. Auch das Umfeld wäre bereit für die zweite Liga. EON wünscht sich sicherlich nichts mehr als im Unterhaus werben zu dürfen. Und eigentlich sollte in diesem Jahr endlich der Stadionumbau beginnen. Doch jetzt steht man vor der schwersten Saison seit Jahren.

Die Schuld bei Stefan Emmerling zu suchen ist weder leicht noch schwer. Es lief schon am Ende der letzten Saison nicht mehr gut, aber auch nie wirklich schlecht. Die Vorbereitung war unglücklich. Bis auf ein abgebrochenes Spiel fuhr man keinen Sieg ein. Klar wurde das gegen Dortmund oder Westham auch nicht erwartet. Aber vielleicht hätte die Mannschaft zumindest gegen Kassel gewinnen können.
Doch ist die Schuld wirklich beim Trainer zu suchen?

Pro Stefan Emmerling:


Emma hat Erfahrung. Er war selber lange Jahre Profi und es ist weder die erste Durststrecke mit Erfurt und sicherlich auch nicht die erste in seiner Karriere. Außerdem kann man sicher von Pech reden, wenn sich Hoffnungsträger wie Fillinger kurz vor Beginn der Saison verletzen. Die Liste lässt sich mit Ströhl fortführen, der sicher nicht das Maß aller Dinge ist, aber den Konkurrenzkampf in der Abwehr sicher angeheizt hätte. Auch ist es Emmerling nicht vorzuwerfen, dass das Präsidium versucht, junge Spieler aus der A-Jugend an den Herren-Kader heranzuführen. Um finanziell in jeder Liga überleben zu können, ohne Audi, VW oder SAP im Rücken zu haben, ist Nachwuchsarbeit- und Förderung unumgänglich. Schaut man sich jetzt noch die ersten Spiele an, dann verliefen auch die "unglücklich." Bereits am ersten Spieltag verlor man nicht nur gegen Wiesbaden 1:3 nach Führung, sondern auch mit Oumari einen Abwehrspieler und mit Morabit einen Stürmer. Diese Lücken konnten aufgrund des dünnen Kaders nicht ausgebügelt werden. Erst recht nicht durch A-Junioren, die von allen Spielern noch den besten Eindruck hinterließen. Die Folge war die zweite Niederlage beim ersten Heimspiel. Die Klatsche (0:4) gegen Heidenheim schlägt auch gestandenen Profis auf den Magen. Es war also nicht zu erwarten, dass im nächsten Spiel mit breiter Brust aufgetreten wird. Es folgte ein 0:3 in Halle - im Derby - gegen einen Aufsteiger. Den einzigen Punkt holte man gegen Stuttgarts Amateure. Diese gelten als Spielstark und hatten den Punkt nicht unbedingt verdient. Ein langer Ball und all die Arbeit unter der Woche war umsonst. In Osnabrück konnte man eine Halbzeit mithalten. Doch sieben Minuten nach der Pause war Unordnung in der Hintermannschaft. Anschließend verlor Oumari wieder die Nerven und flog mit Gelb/Rot vom Platz. Starke Quote nach fünf Spieltagen bereits zweimal vorzeitig duschen zu gehen. Auch Strangl erwies sich als rustikal und schwächte seine Mannschaft durch einen Platzverweis im zweiten Saisonspiel.
Wir bekamen außerdem in den ersten vier Spielen vier Elfmeter gegen uns und nur einen eigenen zugesprochen. Das ist schon unglücklich. Dennoch heißt es von den Spielern, dass man sich nicht unterkriegen lässt und weiter nach vorne schauen möchte. Man will sich an den positiven Dingen, wie der ersten Halbzeit gegen Stuttgart und Wiesbaden und die ersten 60 Minuten gegen Osnabrück aufbauen. Gut so - schlimmer kann es nämlich nicht kommen.

Aber es sprechen auch Dinge gegen Stefan Emmerling:


Ein Trainer ist auch immer ein Psychologe. Wie Trainer es schaffen, nach Niederlagen ihre Mannschaft aufzubauen und ihr im nächsten Spiel den absoluten Siegeswillen einzupflanzen, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob Herr Emmerling das schafft. Alles was ich sehe, ist das Spiel auf dem Platz. Und das wirkte nicht gerade strukturiert oder sicher. Die Fehlpassquote gegen Wiesbaden (in der zweiten Halbzeit) und gegen Halle war unfassbar hoch. Nach Niederlagen im nächsten Spiel dazustehen und keine Angst vor einer Klatsche zu haben, auf dem Rasen zu stehen und an seine eigenen Stärke zu glauben, Abläufe einstudiert und verinnerlicht haben, zu wissen, wie man einen Gegner in die Knie zwingen kann, einen Plan zu haben, auch wenn er das letzte Mal nicht aufgegangen ist - das muss ein Trainer seiner Mannschaft beibringen. Bei Erfurt fehlt diese Einstellung im Moment. Das Tor gegen Stuttgart war ein Elfmeter. Auch gegen Heidenheim hatte man einen guten Start, fiel aber nach dem 0:1 zusammen wie ein Kartenhaus. Auf dem Platz fehlt es an Struktur, Ordnung und Ideen. Aus Mangel an diesen Grundvoraussetzungen fehlt es auch an Spielfreude. Und ohne Spielfreude, ohne "Bock auf Fußball" kann keine Mannschaft gewinnen.
Es ist sicherlich nicht leicht, Neulinge in eine Mannschaft zu integrieren und zu motivieren. Ein guter Trainer muss das aber können. Er muss den Teamgeist einer Mannschaft fördern, ihnen vermitteln, dass sie es nur zusammen schaffen können und vor allem wie sie es schaffen können. Versagt ein Trainer dabei oder erreicht er seine Mannschaft nicht mehr, dann muss er gehen. Als Emmerling sich nach der Niederlage gegen Osnabrück der Frage stellte, ob er noch daran glaubt, lange in Erfurt zu arbeiten, wurde er nervös. Seine Worte sollten jetzt wie ein klares Bekenntnis wirken: "Das wäre ja verrückt, wenn ein Trainer darüber nachdenkt," sagte er und schaute dabei nach links und rechts. Die Ader an der Schläfe setzte sich ab als würde sie unter Strom stehen. Auch das Bekenntnis vom Präsidenten wirkte ausweichend: "Wir müssen jetzt der Mannschaft zeigen, dass Präsidium, Trainerstab und Management ein Team bilden," sagte Rolf Rombach. Aber auch er sah die letzten Spiele und forderte mehr von allen Spielern, aber vor allen von den Erfahrenen. Die müssten die Vorgaben des Trainers auf die jungen übertragen und auf dem Platz als Vorbilder voranmaschieren. Engelhardt, Rauw und NPR wirkten hingegen häufig ratlos, ideenlos und kraftlos. Marcos Aussetzer in Osnabrück, als er den Ball aus der Luft wegschlagen wollte und über diesen trat, sind symptomatisch für die Verunsicherung. An wen sollten sich junge Spieler orientieren, wenn die etablierten schon nicht wissen, was sie tun? Und wer ist dafür verantwortlich, dass Spieler auf dem Platz wissen, was in welcher Spielsituation richtig oder falsch ist? Es ist der Trainer, der die Vorgaben gibt. Es ist auch der Trainer, der die vom Präsidenten geforderte Mehrleistung aus den Spielern herauskitzeln muss. Und diese kommt einfach nicht. Nächstes Wochende hat die Mannschaft kein Pflichtspiel, weil sich Erfurt nicht für den DFB-Pokal qualifiziert hat. Das könnte schon eine Gnadenfrist sein. Eventuell kann Emmerling nach der Pause wieder auf einen erweiterten Kader zurückgreifen, aber auch der muss auf dem Platz wissen, was er tut. Das werden erst die nächsten Spiele zeigen - zumindest wenn nicht vorher eingegriffen wird. Denn einen Masterplan scheint Herr Emmerling auch nicht zu haben.

Es bleibt aber bei dem Grundsatz, den ich gegen Ende der letzten Saison von den Spielern eingefordert habe: Geduld. Es kann sich immer noch alles zum Guten wenden. Wir sind noch nicht abgestiegen. Doch sollte sich in den nächsten fünf Spieltagen nicht massive Änderungen in der Spielweise und der Punkteausbeute bemerkbar machen, muss die Reißleine gezogen werden. Und die trifft meist denjenigen, dessen Kopf am tiefsten hängt. Ich kann nur hoffen, dass Stefan Emmerling bald wieder nach oben blickt.

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